Der Schrank im Arbeitszimmer

Bewundernd bleibst Du vor dem Schrank stehen und läßt Deinen Blick über die prachtvollen Intarsienarbeiten gleiten. Was zunächst wie ein fast willkürlich angeordnetes Muster aussah, gewinnt bei längerer Betrachtung an Klarheit. Hier hat ein wahrer Meisterschreiner eine wundervolle, in verschiedenen Holztönen abgesetzte Darstellung der Göttin HESinde eingearbeitet, ganz nach klassischem Muster. Warm und beinahe wie Seide glänzt das Holz im Licht, und Du fragst Dich unwillkürlich, was für Kostbarkeiten in diesem Schrank aufbewahrt werden. Vorsichtig ziehst Du die Doppeltüren auf und stellst zu Deiner Beruhigung fest, daß die Scharniere nicht quietschen. Gespannt wirfst Du einen Blick hinein und stellst fest, daß der Schrank im Inneren in vier recht große Fächer unterteilt ist. Du bückst Dich um ins untere Fach zu schauen und erkennst, daß dort mehrere leere Bögen Pergament fein säuberlich aufgerollt darauf warten, ihrer Bestimmung zugeführt zu werden. Im zweituntersten Fach liegen mehrere schwer aussehende Folianten.

Wenn Du den ersten herausziehst, und aufschlägst, findest Du ganz offenbar ein Rechnungsbuch. In der schwungvollen, charakteristischen und etwas altertümlich anmutenden Schrift des Magisters findet sich eine genaue Aufstellung über dessen Einnahmen und Ausgaben, wobei der erste Eintrag eine Jahreszahl trägt die 39 Götterläufe zurückliegt. Aber ... warum steht da vorne auf dem Deckblatt VOLUMEN 17? Hat diese Familie ihre Rechnungsbücher tatsächlich seit so langer Zeit fortlaufend numeriert? Da Du davon ausgehst, daß ein Schreiber vielleicht 50 Götterläufe an einem Band schreibt, bevor er die Verwaltung der Güter an seinen Erben weitergibt und sich aufs Altenteil zurückzieht, dann, so überschlägst Du, muß diese Familie über 800 Götterläufe alt sein – eine schier unglaublich lange Zeit.

Du schiebst den Folianten wieder zurück, und schaust Dir die beiden oberen Fächer an. Bis auf ein paar Kerzen und einen Strohhalm ist das oberste Fach leer, und Du schaust neugierig in das zweitoberste. Zu Deiner Enttäuschung ist das jedoch gänzlich leer. Aber, irgendwie scheint das Brett schief zu liegen, und das Fach nicht so tief zu sein, wie die unteren Fächer. Rasch überprüfst Du Deine Vermutung, indem Du den großen Folianten, der ins untere Fach hervorragend hineinpaßt, in dieses Fach schiebst. Tatsache, das Fach ist nicht so tief wie die beiden unteren. Den Folianten wieder nach unten legend, beginnst Du nun, die Rückwand abzutasten. Nach kurzer Suche findest Du eine kleine Aushöhlung, in die hervorragend ein Finger passt. Nach kurzem Zögern hakst Du einen Finger ein, und ziehst vorsichtig. Einen Augenblick beinahe unerträglicher Spannung später bewegt sich die Rückwand des Fachs und schwingt wie eine Tür auf. Dahinter ist ein flaches Geheimfach wie Du feststellst, und der Strohhalm muß auch von hier unter dieser Tür hervorgestanden haben. Aber zu Deiner Enttäuschung ist das Fach bis auf eine noch geschlossene Flasche Greifenfurter Jungfernblut, einem bekannten Wein, und einer Strohauslage leer. Nur die Mulden in der Strohauslage am Boden des Faches sind stumme Zeugen, daß hier schon einmal mehr Flaschen gestanden haben. Enttäuscht schiebst Du die Tür zum Geheimfach wieder zu und vermutest, daß der Magister hier seinen kleinen Privatvorrat an Weinen lagert, den er wirklich mit niemandem teilen möchte. Sieht ihm eigentlich gar nicht ähnlich, so eine Geheimniskrämerei, denkst Du Dir noch, bevor Du den Schrank wieder schließt, und Dich abwendest.

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